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Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin

Philosophisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München

Digitaler Humanismus

Philosophische Reflektion mit anschließender Diskussion

Donnerstag, 21. November 2019, Zeitraum 17:30–19:15

Abstract

Möglicherweise wird man in einer fernen Zukunft auf die Menschheitsgeschichte zurückblicken und von drei großen disruptiven technologischen Innovationen sprechen. Der Übergang von der Jäger- und Sammlerkultur zur sesshaften Agrarkultur mit Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit, der Übergang zum Maschinenzeitalter auf der Grundlage fossiler Energieträger im 19. Jahrhundert und schließlich die digitale Revolution des 21. Jahrhunderts: die Nutzung künstlicher Intelligenz. Sollte dies einmal so sein, dann stehen wir heute erst am Anfang einer technologischen Revolution, ähnlich wie Europa in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Und so wie damals sind die technologischen Neuerungen auch heute von apokalyptischen Ängsten, aber auch euphorischen Erwartungen begleitet. Letztere können als "Silicon Valley Ideologie" bezeichnet werden, derzufolge eine umfassende Digitalisierung eine utopische Welt einläuten wird, in der Transparenz und Berechenbarkeit, ökonomischer Erfolg uns von allem Übel dieser Welt erlösen wird.

Der digitale Humanismus setzt hier einen Kontrapunkt. Er setzt sich von den Apokalyptikern ab, weil er der menschlichen Vernunft vertraut, und er setzt sich von den Euphorikern ab, weil er die Grenzen digitaler Technik achtet. Der digitale Humanismus transformiert den Menschen nicht in eine Maschine und interpretiert Maschinen nicht als Menschen. Er plädiert für eine instrumentelle Haltung gegenüber der Digitalisierung und macht nicht den Fehler zu glauben, dass Softwaresysteme intelligent seien und über Wahrnehmungen und sogar Emotionen verfügen, also dass sie erkennen und entscheiden können. Wir sollten uns vor dem Selbstbetrug hüten, dass wir zunächst digitale Maschinen entwickeln, die Emotionen, Erkenntnisse und Entscheidungen simulieren, um dann überrascht zu konstatieren, dass diese Maschinen ja den Eindruck vermitteln, sie hätten Emotionen und seien in der Lage, zu erkennen und zu entscheiden.

Der digitale Humanismus ist nicht defensiv, er möchte den technischen Fortschritt im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz nicht bremsen, sondern fördern, er spricht sich für eine Beschleunigung des menschlichen Fortschritts unter Einsatz der digitalen Möglichkeiten aus, um unser Leben reichhaltiger, effizienter und nachhaltiger zu machen. Er träumt nicht von einer ganz neuen, menschlichen Existenzform, wie die Transhumanisten, ist aber optimistisch, was die menschliche Gestaltungskraft der digitalen Potentiale angeht.

Informationen zur Person

Julian Nida-Rümelin gilt als einer der "renommiertesten Philosophen in Deutschland" (Handelsblatt vom 30.7.2017). Er lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er ist seit 2018 Direktor am Bayerischen Forschungsinstitut für digitale Transformation (bidt) und leitet den Bereich Kultur am Zentrum Digitalisierung Bayern (ZD.B).

Er lehrt Philosophie und Politische Theorie an der LMU München. Er ist Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin, ord. Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und der Akademie für Ethik in der Medizin.

Für fünf Jahre (1998-2002) wechselte Nida-Rümelin in die Kulturpolitik, zunächst als Kulturreferent der Landeshauptstadt München, dann als Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder.

Er hat sich in den letzten Jahren intensiv mit Bildungsfragen befasst und dazu drei Bücher publiziert: Philosophie einer humanen Bildung (2013), Der Akademisierungswahn: Zur Krise beruflicher und akademischer Bildung (2014), Bildung in Deutschland vor neuen Herausforderungen (2017). 2013 stieß er mit einem Interview in der FAZ die Diskussion über die zunehmende Akademisierung an.

Weitere Buchpublikationen sind: Die Optimierungsfalle – Philosophie einer humanen Ökonomie (btb, 2015), Humanistische Reflexionen (2016) und Über Grenzen denken: eine Ethik der Migration (edition Körber, 2017). Im Herbst 2018 erschien im Piper Verlag Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der künstlichen Intelligenz.

Julian Nida-Rümelin ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Berlin und der Europäischen Akademie der Wissenschaften. 2016 verlieh ihm die bayrische Staatsregierung die Medaille für besondere Verdienste um Bayern in einem Vereinten Europa. Im Jahre 2019 erhielt er den bayrischen Verdienstorden.