Aus der Tiefkühltruhe

 

Aus der Tiefkühltruhe

Gerd Kortemeyer

Hochschulen in den USA sind Vorreiter in Sachen Open Content und Open Source. Warum sich in Deutschland noch nicht überall vergleichbare Initiativen entwickelt haben und was die USA von Deutschland lernen können, beschreibt Professor Gerd Kortemeyer von der Michigan State University, ein Kenner beider Welten. CI: Im Projekt LON-CAPA arbeiten Sie daran, wiederverwendbare Lehrmaterialien zu erstellen? Unter welchen Bedingungen sind wiederverwendbare Materialien für Lehrkräfte und Studierende besser als für den einmaligen Gebrauch erstellte? Ich denke, der Einsatz lohnt sich besonders in den einführenden Großveranstaltungen, die über Universitäts- und Semestergrenzen hinaus im Wesentlichen überall die gleichen Inhalte haben. Die in LON-CAPA abgelegten Ressourcen sind hauptsächlich aus dem naturwissenschaftlichen und mathematischen Bereich. Was ich als Moderne Physik lehre ist dreissig Jahre alt, und Sie werden zum Beispiel nicht viele Unterschiede zwischen meiner Vorlesung zum Thema Drehimpulserhaltung und der meiner Kolleginnen und Kollegen anderswo finden. Online Materialen lohnen sich auch besonders da, wo sie dem Papier klar überlegen sind. Für viele Lehrende in unserem Verbund waren die Online- Hausaufgaben der anfängliche Beweggrund, bei unseinzusteigen. Es ist unbestritten, dass häufige Lernerfolgskontrolle mit kurzen Rückkopplungsschleifen wesentlich zur Bewältigung des besonders in den einführenden Vorlesungen oft überwältigend großen Materialberges beiträgt. Die größte Gefahr ist, hinterherzufallen, und das kann innerhalb einer Woche passieren. Zumindest in meiner Vorlesung habe ich nicht ausreichend Korrekturkräfte, um den Studierenden und mir selbst ohne Computerunterstützung die Reichhaltigkeit und Qualität an Rückmeldung zu geben, die ich für notwendig halte. CI: Warum sind die deutschen Hochschulen im Gegensatz zu den amerikanischen viel zurückhaltender damit, Seminarinhalte online zu stellen? Das würde ich noch nicht einmal abschließend feststellen, häufig ist Deutschland ja einfach nur fünf Jahre hinterher – im guten wie im schlechten. Vor fünf Jahren steckte unser Projekt auch nur in den Kinderschuhen. Aber einige Gründe könnte es schon geben: in Amerika sind die Standardvorlesungen noch standardisierter als in Europa, da sie sich normalerweise an Textbooks entlanghangeln. Damit ist man als Lehrkraft bereits daran gewöhnt, Materialien anderer zu verwenden. Zumindest in Deutschland gibt es meistens nur Buchempfehlungen, während der Vortragende unabhängig ein selbstgeschriebenes oder selbstabgeschriebenes Skript herausgibt. Diesem Individualismus kann man aber ausreichend Freiraum geben, indem man die Online-Materialien so modular gestaltet, dass der Vortragende sich daraus Fremdmaterialien verschiedener Herkunft und eigenen Materialien in beliebiger Reihefolge zusammenstellen kann, ohne gleich eine ganze Vorlesung übernehmen zu müssen. Die Erwartungshaltung der Studierenden ist in Deutschland im Moment auch noch sehr anders. Hier in den Staaten erwarten die Studierenden inzwischen, dass jede Vorlesung Onlinekomponenten anbietet – wenn das nicht der Fall ist, leiden die Kursevaluierungen. Und Kursevaluierungen werden ernst genommen, da unsere Studierenden (und später deren Kinder) unsere Kunden sind. Ich erwarte, dass auch in Deutschland mit Einführung der zugegeben im Vergleich zu den Staaten minimalen Studiengebühren eine Konsumentenmentalität wachsen wird, die den Lehrkräften Anlass zu einigen ungenehmen Überraschungen bereiten wird. Schließlich gibt es auch noch andere Erwartungshaltungen seitens der Verwaltung. Vor einigen Jahren teilte uns unsere Kanzlerin (jetzt Präsidentin) mit, die Bereitstellung von Onlinematerialien wäre nun Teil unseres Jobs. Und im Moment gibt es mehr und mehr Anreize, sogenannte Hybrid-Veranstaltungen anzubieten, wobei ein Teil der Hörsaalzeit durch Onlineverstaltungen ersetzt wird: Montag und Mittwoch Vorlesung, Freitag durch Onlinekomponenten ersetzt. Für die Verwaltung ist das reizvoll, da wir häufig an die Grenzen unserer Hörsaalkapazität stoßen, aber es macht sogar Sinn im Bezug auf bessere Lehre: nicht alle Inhalte und Interaktionsmodelle funktionieren am Besten mit dem „sage on the stage“ – online ist es manchmal einfacher, der „guide on the side“ zu sein. Da es äußerst zeitaufwendig ist, gute Onlinematerialien bereitzustellen, wird bei gleichen Anforderungen selbst der beste deutsche Hobbykoch vielleicht gerne auf einige Fertiggerichte aus der Tiefkühltruhe zugreifen. CI: LON-CAPA ist eine Open-Source-Plattform. Warum sind Sie dennoch skeptisch gegenüber Open-Source-Anwendungen an den Hochschulen? Ich bin nur skeptisch gegenüber den Versprechungen, Open-Source wäre automatisch billiger, nachhaltiger und flexibler als kommerzielle Produkte. Zum Thema „billiger“: Lizenzgebühren sind ja nur ein Teil der Total Cost of Ownership. Sagen wir, für eine Uni der Größe von Michigan State kostet ein kommerzielles System 150.000 Dollar pro Jahr in Lizenzgebühren. Dazu kommen dann aber noch vielleicht 30.000 Dollar pro Jahr in Hardwarekosten plus circa 400.000 Dollar pro Jahr für Personal zur Unterstützung der 121.000 aktiven Online-Kurseinschreibungen – das sind dann fünf Dollar pro Jahr pro Kurseinschreibung für das kommerzielle Produkt. LON-CAPA hat keine Lizenzgebühren, aber wir zahlen 15.000 Dollar pro Jahr in Hardware und 175.000 Dollar pro Jahr für Personal zur Unterstützung unserer 16.000 Online-Kurseinschreibungen und Anpassung und Weiterentwicklung unserer Software – das sind 12 Dollar pro Jahr pro Kurseinschreibung, also teurer. Open-source Systeme sind natürlich billiger, wenn man sie als Kleinsystem fährt, aber im uniweiten Produktionseinsatz sind die Lizenzgebühren schließlich vernachlässigbar. Die meisten Chief Information Officer an amerikanischen Unis gehen wohl inzwischen davon aus, dass die Total Costs of Ownership; für kommerzielle und Open-Source-Software im vollen Produktionsbetrieb ungefähr gleich sind. Zum Thema „nachhaltiger“: die meisten Open-Source-Produkte benötigen eine Kerngruppe von Entwicklern, die über längere Zeit das Produkt betreut. Die Idee, dass Open-Source-Applikationen komplett von der Nutzergemeinschaft unterstützt werden können, ist, denke ich, nur für äußerst weitverbreitete Produkte wie Linux oder Apache möglich, wo einige der Nutzer, nämlich Serveradministratoren, auch gleichzeitig die Leute sind, die das Produkt ausreichend verstehen, um daran Änderungen vorzunehmen. Bei einem Kursmanagementsystem sind die Nutzer Professorinnen und Professoren, die typischerweise weder die Zeit noch die Expertise haben, solch eine Plattform weiterzuentwickeln. Deshalb denke ich, es ist wichtig, dass hinter Open-Source-Produkten ein Verbund von Hochschulen steht, der sich langfristig der Fortführung, Unterstützung und Weiterentwicklung verpflichtet. Bei LON-CAPA haben wir letztes Jahr nach Auslaufen der Förderung durch die National Science Foundation einen solchen Verbund gegründet, der unser Weitbestehen auf die nächsten fünf Jahre hinaus garantiert. Zum Thema „flexibel“ kann man im wesentlichen die gleichen Argumente einführen – rein rechtlich kann man Open-Source-Software natürlich sehr flexibel an die jeweiligen Nutzeransprüche anpassen, aber wer hat dazu die Expertise? Interessanterweise jedoch gibt es gerade dazu in Deutschland eine Organisation, deren Gegenstück uns hier in den Staaten fehlt: CampusSource. Die Idee bei CampusSource ist, dass diese Organisationen als Vermittler zwischen Nutzern und kommerziellen Dienstleistungsunternehmen auftritt, um für Open-Source-Produkte jene Infrastruktur bereitzustellen, die bei kommerziellen Produkten der Anbieter übernimmt. CI: Zur mehr Standardisierung von IT-Systemen oder einem heterogenen Nebeneinander: wohin geht der Trend an den US-Hochschulen? Das Pendel schwingt munter hin und her, im Moment gerade in Richtung heterogenes Nebeneinander einer überschaubaren Anzahl von Systemen. Man hat erkannt, dass verschiedene Fachrichtungen verschiedene Kursumgebungen benötigen, und verschiedene Lehrende mit verschiedenen Erwartungen und Hintergründen an solch ein System herangehen. An der Michigan State University fahren wir sowohl ANGEL als auch LON-CAPA, wobei LON-CAPA die Naturwissenschaften beherrscht und ANGEL die Geisteswissenschaften. Stanford hat Sakai und BlackBoard, University of Illinois hat LON-CAPA und WebCT, Humboldt State hat Moodle und BlackBoard. Das Nebeneinander darf natürlich kein Nebeneinanderher sein: Integration ist gefordert. Wir können es keinem Nutzer zumuten, für jedes System eine andere Benutzerkennung und ein anderes Kennwort zu haben, und wir arbeiten gerade an mehreren Unis daran, nahtlos von einem System in das andere springen zu können (Stichwort: „single sign-on“). Wir haben Kopplung mit den Verwaltungssystemen, so dass Einschreibungslisten automatisch auf dem Laufenden gehalten werden, und demnächst kommt die Unibücherei dran, die aus der Kursumgebung heraus gezielt Zugang auf elektronisch abonnierte Journale und Datenbanken erlaubt. Auch da gibt es in Deutschland wieder eine Vorreiterinitiative, die CampusSource Engine, die es erlauben soll, diese Systemintegrationsmechanismen portabler zu machen. Gerd Kortemeyer, Ph.D., ist Professor für Physik und Physikdidaktik an der Michigan State University. Der gebürtige Deutsche hat sein Physikdiplom an der Universität Hannover erworben, und seinen Ph.D. am National Superconducting Cyclotron Laboratory an der Michigan State University. Er ist Direktor der LON-CAPA-Projekts der Universität, das ein Open Source Learning Content-Management-System für verteiltes Lernen entwickelt hat.

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