Im Auftrag des Multimedia Kontor Hamburg hat das Essener
MMB-Institut Hochschulen weltweit zum Thema Open Educational Resources untersucht. Die Forscher Dr. Lutz Goertz und Anja Johanning sind zu folgenden Ergebnissen gekommen: Die Analyse von 36 ausgewählten „Open Educational Resources“-Angeboten hat gezeigt, dass die Landschaft der hochschulbezogenen
OER-Portale äußerst heterogen ist. Jenseits der einigenden Maximen der „Open Educational Ressources“ und der „Creative-Commons“-Bewegung erweisen sich die Adressaten, die Inhalte, die Autoren und die Finanzierungsmodelle bei den einzelnen Initiativen als sehr unterschiedlich. Die Ergebnisse im Einzelnen:
- Obwohl Deutschland auf den ersten Blick als weißer Fleck auf der OER-Landkarte erscheint, gibt es doch einige Initiativen, die den Zielen der „Open Educational Resources“ entsprechen – auch wenn sie sich nicht explizit darauf beziehen. Webangebote wie beispielsweise „Virtuelle Hochschule Bayern“ oder „EducaNext“ wenden sich auch an Personenkreise außerhalb der Hochschulen.
- Die weltweit bestehenden Angebote decken fast alle Regionen ab. Deutlich geringer ist die Dichte in Osteuropa. Vor allem in Asien haben sich viele Hochschulen zu Netzwerken zusammengefunden. Dank der Fördermittel aus Stiftungen existieren auch zahlreiche Initiativen in Afrika. Grundsätzlich spielen externe Mittel wie Fördergelder oder Stiftungen bei der Unterhaltung der OER-Angebote eine zentrale Rolle, was u.U. Konsequenzen für die Nachhaltigkeit der Angebote hat.
- Wenn OER-Initiativen ihre Inhalte beschreiben, so decken sie meist das gesamte Spektrum an Hochschulfächern ab. Seltener ist eine Spezialisierung auf bestimmte Fachrichtungen. Hinzu kommen aber in einigen Fällen zusätzliche Service-Themen sowie Software- und Beratungsangebote. Vor allem im Fall der MIT-Inhalte kann man bereits von einer Form des „Content Syndication“ sprechen, da beispielsweise der Hochschulverbund der African Virtual University diese Inhalte in sein Kursprogramm übernimmt.
- Auch die Darbietungsformen sind sehr unterschiedlich. Es überwiegen komplette virtuelle Studiengänge, zumindest aber ganze Kurse, häufig auch zusätzliche Kursmaterialien. Diese Formen finden sich auch im Angebot von Fernuniversitäten – die Grenzziehung zu OER-Angeboten ist hier schwierig, wenn für diese Kurse auch noch Teilnehmer-Gebühren erhoben werden. Komplette Kursangebote lassen auch nicht darauf schließen, dass die Inhalte (im Sinne der Creative Commons-Bewegung) in anderer Form weiterverwertet werden können. Nur selten gehören zu den angebotenen Formen auch kommunikative und kollaborative Elemente.
- Viele Portale werden dominiert durch Angebote in englischer Sprache. Dies ist sicherlich eine indirekte Zugangsbeschränkung für den größeren Teil der Bevölkerung in afrikanischen oder lateinamerikanischen Ländern. Gleichzeitig erreichen diese OER-Angebote aber die Akademiker und die Führungseliten eines Landes, die Englisch als Fremdsprache beherrschen. Englischsprachige Anbieter aus den USA, Großbritannien oder Kanada sind hierdurch im Vorteil.
- Dass viele Initiativen eher von geschlossenen Kursangeboten ausgehen, zeigt sich auch darin, dass sie für ihre Inhalte keine Metadaten erfassen oder ausweisen. Dies macht eine weitere Verwertung einzelner Module in anderen Lernzusammenhängen schwierig.
- Zur Zeit sind viele OER-Angebote von öffentlichen Fördermitteln bzw. privaten Stiftungsgebühren abhängig. Gelegentlich werden Kursgebühren erhoben, die aber kaum die entstehenden Personalkosten der Betreuung decken. Offensichtlich ist diese Art der Finanzierung die logische Konsequenz aus der Forderung nach „Open Content“ im Sinne von „kostenloser Bildung“. Die Nachhaltigkeit ist somit auch immer vom Wohlwollen der externen Geldgeber abhängig. Immerhin gehen einige Initiativen den Weg, Gebühren von den nutzenden Hochschulen oder hochschulexternen Lernern zu erheben.
- Das Hinzufügen eigener Lerninhalte ist in den meisten Fällen Hochschullehrern und Assistenten vorbehalten. Auf diese Weise sichern die Portale ein gewisses Qualitätsniveau, lassen damit aber – anders als beispielsweise Wikis – andere Inhalte, die für das Lernen und Lehren an Hochschulen interessant sein könnten, außen vor.
- Beim Zugang zu den OER-Portalen als Nutzer entsprechen viele Initiativen dem Gedanken einer Verbreitung der Inhalte für jedermann, wobei in einigen Fällen vorab eine Registrierung erforderlich ist. Im Falle von Initiativen, die sich nur an Studierende im eigenen Land richten, ist die Abgrenzung zu einem reinen Hochschulverbund schwer. Interessant ist die Idee der Staffelung des Zugangs zu Inhalten je nach Interesse, Vorqualifikation und ggfs. vorheriger Zahlung von Beiträgen (z.B. durch Studiengebühren).
- Wie bereits im Zusammenhang mit der „Art der Inhalte“ und den Metadaten angesprochen, ist die Weiterverwertung der Inhalte bzw. ihre Modifikation in der Mehrheit der Fälle nicht vorgesehen. Damit widersprechen die Angebote (bis auf sechs Portale) dem Geist der Creative-Commons-Bewegung. Die Initiativen knüpfen hier eher an geltende Urheberrechtsregelungen und bewährte wissenschaftliche Zitationsweisen an. Dies schützt sicherlich die Urheber, schränkt aber auch die Entstehung von neuen Lerninhalten ein.
Die Analyse zeigt, dass auf dem Gebiet der Open Educational Resources in den letzten Jahren weltweit viel erreicht wurde. Die Heterogenität des Angebots legt allerdings insbesondere zwei Forderungen nahe: Eine bessere Erschließbarkeit der Angebote durch größere Transparenz der Webportale und einen stärkeren Einsatz von Metadaten; Als Grundlage hierfür: eine klarere Definition der zentralen Merkmale von
OER-Angeboten (Finanzierungsmodell, Adressatenkreis, Darstellungsformen, Autoren, Zugänge, Fachinhalte). Für die Initiativen in Deutschland bedeutet dies auch, die Stärken der eigenen Angebote zu erkennen und auszuloten, inwieweit dadurch die weltweiten Angebote ergänzt werden können. Die komplette Studie finden Sie hier zum Herunterladen.