
Integriertes Campus Management
Vor allem aber die zwei entscheidenden Veränderungstreiber gilt es in diesem Zusammenhang gesondert zu nennen. Zum einen die annähernd flächendeckende Einführung von Studiengebühren und zum zweiten – und wichtigsten Treiber – der Bologna-Prozess mit seinen vielfältigen Auswirkungen und Anforderungen auf die unterschiedlichsten Hochschulbereiche. Aus diesen Umfeld- und Einflussfaktoren ergeben sich eine Reihe von Konsequenzen für die Hochschuleinrichtungen, die sowohl auf die Bereiche Lehre und Forschung, als auch auf die Verwaltungsebenen und die Hochschulorganisation ausstrahlen. So entsteht durch den Bologna-Prozess und die dadurch bedingte Studienreform auf BA/MA-Studiengänge ein erheblicher personeller und organisatorischer Mehraufwand. Damit einher geht auch ein höheres Aufkommen von Lehrveranstaltungen, Prüfungsleistungen, Assessments etc., die zu einer Mehrbelastung des Lehr- und Verwaltungsbereiches führen.
Um den gestiegenen Qualitätsansprüchen der Bildungsnachfrager gerecht zu werden, ist zudem eine signifikante Steigerung der Qualität und des Angebotumfangs von Services notwendig. Darüber hinaus ziehen die Forderung zur Unterstützung des lebenslangen Lernens eine Erweiterung des Bildungsangebotes der Hochschulen auch im Bereich der berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildung nach sich, was wiederum einen erhöhten Aufwand für Lehre und Verwaltung bedingt. Damit einher müssen dann auch neuartige Bildungsangebote bzw. Vermittlungsformen (E-Learning, Web 2.0, Podcasts usw.) gehen, welche die geforderte Steigerung von Flexibilität und Mobilität der Studierenden gewährleisten.
Die unter anderem durch den Bologna-Prozess bedingten Herausforderungen und vor allem die dadurch erzeugten Organisations- (Reorganisation), Kapazitäts- (Lehrkräftebedarf) und Flächeneffekte (Raumbedarf), lassen sich zukünftig nur noch durch eine geeignete IT-Unterstützung bewältigen. Im Zuge dieser Diskussion werden seit einigen Jahren mit zunehmender Intensität Campus Management Systeme als die Infrastrukturlösung genannt. Campus Management-Lösungen bieten fakultätsübergreifende Abbildungen aller relevanten Verwaltungsbereiche des student-life-cycle von der Bewerbung und der Studierendenverwaltung über die Prüfungs- und Lehrveranstaltungsverwaltung bis hin zur Alumnibetreuung.
Dabei lassen sich zwei unterschiedliche Strategieansätze von Campus Management Systemen unterscheiden: integrierte und modularisierte Systemlösungen. In diesem Zusammenhang wird unter einer integrierten Lösung ein System verstanden, das alle relevanten Prozesse des student-life-cycle in einem System und in einer Datenbank abbildet. Damit sind auch eine nahtlose Interaktion und ein direkter Austausch von Daten innerhalb der einzelnen Prozessbereiche verbunden. Integrierte Systemlösungen kommen derzeit z.B. an der Universität Hamburg (CampusNet der Firma Datenlotsen) und der Freien Universität Berlin (SAP) zum Einsatz.
Hingegen wird unter einer modularisierten Lösung der Einsatz von unterschiedlichen Softwarebausteinen für die Abbildung der verschiedenartigen Verwaltungsprozesse interpretiert (z.B. HIS-Module „ZUL, SOS, POS und LSF“ wie sie an vielen Hochschulen zum Einsatz kommen). Diese Softwaremodule eines oder mehrerer Hersteller lassen sich zu einem kompletten Campus Management-System vernetzen. Dies ermöglicht theoretisch eine Zusammenstellung der jeweils besten Modulangebote. Im Kontext einer vernetzten Anwendung kumuliert müssen diese aber nicht zwangsläufig den höchsten Nutzen erzeugen. Bei diesen Systemen ist ein erhöhter Aufwand für die Datenmigration bzw. für den kontinuierlichen Datenaustausch unter den verschiedenartigen Modulanwendungen notwendig. Gleichzeitig steigt der Aufwand für die Implementierung und Pflege von mehreren Datenbanken.
Mittel- bis langfristig werden sich aber voraussichtlich wegen der konsistenten Datenhaltung und des geringeren Aufwands für die Systembetreuung nur integrierte Lösungen am Markt durchsetzen können.
Die vielfältigen Vorteile eines Campus Management-Systems sind aber beiden Strategieansätzen im Kern gemein:
Bei all diesen offensichtlichen Vorteilen darf aber nicht vernachlässigt werden, dass die Einführung eines Campus Management System auch mit relativ hohen Implementierungs- und Folgekosten sowie mit sehr umfangreichen Veränderungsprozessen innerhalb der Hochschulorganisation verbunden ist. Dies bezieht sich sowohl auf organisationale Aufbau- und Ablaufprozesse als aber z.B. auch auf Themen wie die Studierbarkeit und Rechtssicherheit von Prüfungsordnungen. Auch wird sich die bisher eher reduzierte Interaktion der Fachbereiche und Lehrkräfte mit den Studierenden- und Prüfungsverwaltungen in Zeiten modularisierter Bachelor- und Masterstudiengänge in kontinuierliche Kooperationsprozesse transformieren müssen.
Demgegenüber steht aber die Chance, die nachweislich steigenden Aufwände mittelfristig ohne eine Mehrbelastung der bestehenden oder gar eine Ausweitung der personellen Kapazitäten bewältigen zu können – und das alles bei einer gleichzeitig signifikanten Verbesserung der Servicequalität für die Studierenden, Dozierenden und Verwaltungsmitarbeiter. Es gilt also frühzeitig diesen Herausforderungen zu begegnen und die dafür notwendigen Weichen zu stellen.
Diese Notwendigkeit wurde auch am Wissenschaftsstandort Hamburg erkannt. So wird an der Universität Hamburg bereits ein integriertes Campus Management-System eingeführt. Darüber hinaus wurden im Rahmen des eCampusII-Projektes hochschulübergreifende Infrastruktur- und Integrationsprojekte in Zusammenarbeit des Multimedia Kontor Hamburg mit den sechs öffentlichen Hamburger Hochschulen u.a. in den Bereichen "hochschulweites Campus Management", "hochschulübergreifendes Identity Management", sowie "Studienverlaufsstatistik und Controlling" gemeinsam initiiert.
Autor: Dr. Marc Göcks
Marc Göcks ist Geschäftsführer des Multimedia Kontor Hamburg.
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